ohne sinn und verstand
So viele Menschen schmücken sich mit den Zitaten anderer, die toll sind, im Prinzip, aber wahrscheinlich völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurden und ohne ihren weitläufigen Umbau kaum noch die Bedeutung haben, die dem gesamten Kontext eigentlich inne wohnte. Ich glaube kaum, dass die immer wieder Zitierten so eine große Freude an der Zitiererei, dem Zerfetzen der Gesamtwerke, dem Herausreißen aus dem großen Zusammenhang, gehabt hätten.
Sicherlich gibt es immer wieder Menschen, die Dinge sagen um später zitiert zu werden, Politiker vielleicht, die hinter sich drei, vier Redenschreiber zu sitzen haben, die Großes vollbringen wollen und deshalb ihrem Schützling glanzvolle Sätze in den Mund legen, die dieser dann glanzvoll vortragen kann.
Die wahren "großen Worte" allerdings sind nie auf diese Art entstanden. Sie sind Teil eines Gesamtwerks und sollten auch dort verbleiben. Ein Lebensmotto, und dafür werden Zitate ziemlich oft verbraucht, kann ich mir selbst geben, dafür brauche ich nicht Bruchstücke aus dem Gehirn eines anderen Menschen.
Ist Unzufriedenheit tatsächlich eine deutsche Krankheit oder letztendlich sogar ein Lebensgefühl? Es kann doch nicht angehen, dass um sieben der Wecker klingelt, meine Laune noch unterm Keller ist, die Unzufriedenheit mitten auf die Stirn gemeißelt wurde, in den letzten Jahren und ich, nachdem ich Staubwedel und Staubsauger geschwungen habe, urplötzlich gute Laune habe nur um andere Blogs zu lesen, die mir, wahrscheinlich aus purer Frechheit, tagtäglich beweisen, wie es eigentlich sein sollte und bei mir selbst dann nicht ist. Dann ist sie wieder da, diese deutsche Krankheit, die uns alle zu Bundeskanzlern oder Bundestrainern macht, die alles besser können, als die anderen, dann aber wieder mehr Unzufriedenheit wecken. Mein Notizblock sagt mir etwas anderes, nur sind die Gedanken, die da aneinandergereiht wurden, ordentlich verschroben, nicht konform, unverstanden, selbst von mir und deshalb bin ich schon wieder unzufrieden.
Opelbloggern glaub ich gar nichts mehr und nenne sie in Zukunft nur noch O-Blogger. Oder ()-Blogger. Oder, ach ist doch auch wurscht.
Du sollst mich küssen,
ich will dich ganz für mich allein,
Du sollst mich berühren,
ich will dich jetzt und ganz allein,
Du sollst mich in die tiefsten Abgründe,
die die Lust zu bieten hat, ziehen,
ich mit dir, ganz allein, jetzt und hier,
ficken,
ich mit dir.
Es ist der Frühling, der es uns Unpoeten angetan hat, dass wir hier und jetzt, im angesicht duftender Blüten und wärmender Sonnenstrahlen, mit Zeilen um uns schmeißen, die so beschissen sind, dass nicht einmal eine tatsächliche Substanz dahinter steckt und wenn, dann nur ein wabbelige, schwabbelige, deren Hintergründe nur wir kennen können. Wer große Dichter nachmacht oder verfälscht, oder nachgemachte oder verfälschte in den Umlauf bringt, muss mit dem Ausschluss aus Groß-Bloggerdorf oder, noch schlimmer, mit langfristiger Missachtung rechnen.
Wenn ich
so etwas lese, bekomme ich ein beklemmendes Gefühl, fühle mich nicht mehr dazugehörig, passe hier nicht mehr rein und würde mir gern ein anderes Land suchen, fernab von christlichem Fundamentalismus, übertriebenem Nationalismus, Ausgrenzung und Blindheit. Ändern würde es nichts, das ist mir bewusst, ob ich mich woanders wohler fühlen würde, ist fraglich. Trotzdem, wo soll das noch hinführen?
Immer wieder schön sind Leute, die sich über Vorratsdatenspeicherung, gläserner Bürger, Verletzung des Datenschutzes und und und aufregen und gleichzeitig mindestens eines dieser Webseitenbesucherüberwachungstools am Laufen haben. Is ja nur für die Statistik. Ja ja. Genau, Herr Schily äh Schäuble. Alle gleich.
Es gibt scheinbar viele, die anfangen zu bloggen, Spaß daran haben, nette oder weniger nette Leute kennen lernen, darin aufgehen und trotzdem irgendwann den Punkt erreichen, an dem sie weniger Spaß mit den netten Leuten und mehr Ärger mit weniger netten Leuten haben. Sie fühlen sich dann schlecht und missverstanden, wollen ihre Ruhe haben, nur noch Weg und am Ende hören sie entweder ganz auf oder suchen sich eine neue Identität. Die Frage allerdings ist, ob dann nicht der Kreislauf wieder von vorne beginnt. Abwarten.
Eigentlich ist es doch traurig. Da wird das eigene Blog zum Spiegel gemacht, in den man reinheulen kann, in dem man sich selbst vorhalten kann, wie schlecht man doch eigentlich ist, welche schlechten Eigenschaften einen plagen, wie beschissen das Leben ist, das der Therapeut eigentlich auch nur ein Arschloch ist und man im Prinzip gleich aus dem Fenster springen könnte. Warum? Warum schreibt man so etwas? Warum liest man so etwas auch noch? Wie soll man so etwas kommentieren? "Du hast ja recht." oder "Spring doch, spring doch." oder oder? Und so dümpelt man vor sich hin, beschäftigt sich wunderbar mit sich selbst und merkt nicht, dass draußen die Sonne scheint, das erste Grün zu sprießen beginnt, das endlich Frühling wird und das Leben tatsächlich lebenswert ist. Das ist traurig, nicht nur eigentlich.